Augsburger Allgemeine, 6.7.10:

Dalai Lama wird 75: Roland Koch gratuliert seinem Freund

Der 14. Dalai Lama und der 8. hessische Ministerpräsident, Roland Koch, kennen sich seit Jahrzehnten. Koch traf den Dalai Lama zum ersten Mal in den 80er Jahren, als er noch in der Jungen Union war. Roland Koch war und blieb von dem geistlichen Oberhaupt der Tibeter fasziniert. Heute gratuliert er seinem Freund mit diesem Gastbeitrag in unserer Zeitung zum 75. Geburtstag.

Jeder Teilnehmer eines öffentlichen Auftritts des Dalai Lama ist nach seinen Reden tief beeindruckt von seiner Persönlichkeit, vor allem von seiner Offenheit und gelebten Bescheidenheit. Gerne denke ich an den mit 20 000 Menschen überfüllten Kurpark in Wiesbaden zurück - das war vor fünf Jahren. "Freunde für einen Freund" - unter diesem Motto hatten wir damals seinen 70. Geburtstag in Hessen gefeiert. "Ruhe in dir selbst und Mitmenschlichkeit in Frieden" - diese Botschaft kam bei den Menschen an. Heute vollendet Seine Heiligkeit sein 75. Lebensjahr.

Man gewinnt bei seinen Ansprachen einen fesselnden Eindruck von einem außergewöhnlichen Menschen und einem außergewöhnlichen Volk mit seiner besonderen Geschichte und Kultur.

Die Tibeter haben besondere Strukturen gefunden

Dabei geht es um das, was der Dalai Lama als religiöses Oberhaupt einer wesentlichen Strömung des Buddhismus repräsentiert. Es geht auch für viele, die sich mit dem tibetischen Volk befassen, um die Besonderheiten des Entwickelns einer Gesellschaft in Abgeschlossenheit. Die Tibeter haben sehr lange sehr allein gelebt. Und sie haben dabei besondere Strukturen gefunden. Manche Strukturen, die wir als Europäer für uns sicherlich nicht akzeptieren würden, weil sie mit ihrer Ausprägung eines Gottesstaates mit unserem heutigen Verständnis von Demokratie nicht zusammenpassen. Aber sie haben ihre Kultur, ihre Identität, ihre Medizin, ihren Weg als ein Millionenvolk in einer Weise gefunden, dass daraus ein sehr gläubiges Volk geworden ist. Fast keines dieser Elemente finden wir so irgendwo anders auf der Welt. Und schon gar nicht in dieser Kombination.

Darin liegt jenseits aller Fragen von Menschenrechten - aller Fragen der konstitutionellen, demokratischen, heutzutage durch die Weltgemeinschaft verfassten Ansprüche - die Faszination Tibets. Das schreibe ich als gläubiger Christ, der ich kein Anhänger des Buddhismus bin, aber großen Respekt vor jeder anderen Religion habe.

Der Dalai Lama hat es vor allem geschafft, einen Teil der Erfahrungen seines Volkes zum Allgemeingut der Menschen in einer Welt zu machen, einer Welt, in der viele nach Orientierung suchen und verunsichert sind. Er hat Millionen von Menschen neugierig auf das Schicksal seines Volkes gemacht. Nun ist der Kampf für das Selbstbestimmungsrecht eines Volkes, für sein Existenzrecht und seine kulturelle Identität kein Einzelfall in Geschichte und Gegenwart. Doch viele Bilder, die wir von Freiheitskämpfen und Streben nach Unabhängigkeit von Völkern vor Augen haben, waren und sind oft mit blutigen, kämpferischen und militärischen Auseinandersetzungen oder mit Bomben und Attentaten verbunden. Heute sind die Tibeter das einzige Volk und der Dalai Lama der einzige religiöse Führer, die Gewaltlosigkeit zum Prinzip gemacht haben.

Dieser friedfertige Kampf für das Schicksal seines Volkes war es, der mich faszinierte und der Mitte der achtziger Jahre der Ausgangspunkt war, mich für die tibetische Sache zu engagieren. Das war in einer Zeit, als viele das Wirken des Dalai Lama zwar öffentlich würdigten, aber den persönlichen Kontakt doch letztlich scheuten. Auch in unserem Land. Im Jahre 1995 war der hessische Landtag dann das erste Parlament in Deutschland, vor dem der Dalai Lama sprach. Seit dieser Zeit hat sich nach und nach eine persönliche Nähe entwickelt, ein wechselseitiger vertrauensvoller Austausch über Herausforderungen und Probleme auf beiden Seiten, für den ich sehr dankbar bin. Meine Reise nach Tibet vor drei Jahren mit einer Delegation - auf Einladung Chinas übrigens - gehört zu den eindrucksvollsten Erfahrungen, die ich gemacht habe.

Der Dalai Lama selber zeichnet sich auch im praktischen Leben durch eine ungeheure Kraft aus. Nicht nur im indischen Exil, sondern weltweit absolviert er für sein Volk ein Programm, das alle Achtung verdient. Er und wir alle müssen helfen, dass die tibetische Geschichte nicht aus den Überschriften der Welt verdrängt wird.

Bei aller Bewunderung für die Persönlichkeit Seiner Heiligkeit stand für mich immer das Kernanliegen des tibetischen Volkes im Mittelpunkt meines Engagements. Es wäre ein schlechtes Signal, wenn ausgerechnet diejenigen die Verlierer wären, die ausschließlich auf Friedfertigkeit bei der Erreichung ihrer Ziele setzen. Deshalb ist es so wichtig, dass der Dalai Lama und das Schicksal der Tibeter in jeder Hinsicht die Öffentlichkeit zur Unterstützung bekommen. Das darf nicht nur dann der Fall sein, wenn dieses Schicksal durch Unterdrückungsmaßnahmen so stark in den Fokus gerät wie im Vorfeld der Olympischen Spiele 2008 in Peking. Das waren bittere Wochen. Der tibetische Konflikt muss weiterhin auf der Tagesordnung bleiben. Und so lange gibt es unter der Führung des Dalai Lama nur eine Antwort auf die Frage, wie der Dialog zu führen ist: allein durch den friedlichen Dialog.

Das Ziel muss eine Autonomie innerhalb des chinesischen Staatsgebietes sein. Das wäre die einfachste Lösung, die die chinesische Verfassung übrigens durchaus vorsieht. Der Dialog muss geführt werden. Nicht wegschauen, sondern sich bekennen. Nicht kritische Themen aussparen, sondern sie im Interesse der tibetischen Friedfertigkeit selbstbewusst zur Sprache bringen.

"Ich freue mich, ihn in wenigen Wochen wiederzusehen"

Mit großer Freude für einen guten Freund, im Respekt vor seiner Persönlichkeit und im Versprechen, seinen friedlichen Freiheitskampf für sein Volk auch weiterhin zu unterstützen, gratuliere ich dem Dalai Lama zu seinem 75. Geburtstag. Er ist ein herzensguter Mensch! Das ist meine feste Überzeugung und das mögen die Menschen auch so an ihm. "Und deshalb bin ich davon überzeugt, dass liebevolle Zuneigung, Mitmenschlichkeit etwas ist, was ein natürlicher Teil unseres Geistes ist und was in uns allen angelegt ist als ein Fundament für Wohlergehen, für Zufriedenheit" - dieser Satz des Dalai Lama aus seiner Dankesansprache anlässlich der Verleihung des Hessischen Friedenspreises vor fünf Jahren in Wiesbaden macht dies deutlich.

Gesundheit, Kraft und Ausdauer - das wünschen wir ihm persönlich. Er weiß, dass ich künftig auch ohne staatliche Ämter nicht nur als persönlicher Freund immer für seine Sache eintreten werde. In meinem Heimatland Hessen hat er über alle Parteien hinweg breite Unterstützung - wie auch in weiten Teilen Deutschlands. Ich freue mich, ihn in wenigen Wochen hier in Deutschland wieder zu sehen. Und zwar hier in Bayern. Ich wünsche ihm alles Glück dieser Welt - und Erfolg!

Roland Koch




Thurgauer Zeitung (CH), 6.7.10:

Der Dalai Lama wird 75

Seit Jahrzehnten kämpft das buddhistische Oberhaupt für eine echte Autonomie Tibets. Seine Politik stösst aber nicht bei allen Exiltibetern auf Zustimmung. Die kleine Propellermaschine von Neu Delhi nach Dharamsala ist startbereit. Aber die Passagiere müssen sich gedulden. Man erwarte noch Gäste, entschuldigen sich die Stewardessen, als die Minuten verrinnen. Plötzlich Unruhe. Auf dem Rollfeld bremsen dunkle Limousinen. Türen werden aufgerissen. Ein orangefarbenes Gewand wird sichtbar. «Er ist es!», ruft jemand.

Und Augenblicke später steht «er» leibhaftig zwischen den Sitzreihen und grüsst freundlich in die Runde - der Dalai Lama, gerade von einer seiner vielen Auslandsreisen zurückgekehrt und nun auf dem Rückweg in sein nordindisches Exil. Mehr als zwei Drittel seines Lebens hat der buddhistische Gelehrte und geistliche Führer der Tibeter, der am Dienstag 75 Jahre alt wird, bereits in der Kleinstadt am Fusse des Himalaja verbracht. Zehntausende Landsleute folgten ihm im Laufe der Jahrzehnte.
 

Die Flucht nach Indien

Durch sie wurde Dharamsala zu «Little Lhasa». Und zu einem Zentrum des friedlichen Widerstands gegen die chinesische Besatzung Tibets. Beim Einmarsch der Chinesen in das tibetische Hochland 1950 war Tenzin Gyatso, so sein Mönchsname, noch ein Teenager. Gleichwohl lasteten auf ihm - der 14. Reinkarnation des Dalai Lama - die Hoffnungen seines Volkes.Als deren spirituelles und politisches Oberhaupt suchte er das Gespräch mit der Führung in Peking, die Tibets Anschluss an China längst beschlossen hatte. Neun Jahre später, auf dem Höhepunkt des Tibet-Aufstands, floh der Dalai Lama nach Indien und ist seitdem nicht in seine Heimat zurückgekehrt.

Gewaltfreier «Weg der Mitte»

Der Flüchtling machte Dharamsala zum Sitz der von keinem Land der Welt anerkannten tibetischen Exilregierung. Hier entwickelte er seine Politik, die er als «Weg der Mitte» beschreibt und deren Botschaften Gewaltfreiheit und Aussöhnung sind. Das Ziel: Durch Dialog mit der chinesischen Regierung soll eine «echte Autonomie» mit kulturellen und religiösen Freiheiten für die Tibeter innerhalb der Volksrepublik herbeigeführt werden. Bereits 1989 erhielt der Dalai Lama dafür den Friedensnobelpreis, durch den der Kampf der Tibeter weltweit bekannt und zu einem Synonym für gewaltlosen Widerstand wurde.

Die Ungeduld der tibetischen Jugend

Bei vielen Exiltibetern ist diese Politik inzwischen jedoch umstritten. Vor allem junge Aktivisten glauben, dass die Forderung nach Autonomie nach dem Scheitern zahlreicher Verhandlungsrunden mit Peking keinen Sinn mehr habe. Sie wünschen sich die Unabhängigkeit Tibets und sind auch bereit, dafür zu kämpfen. Der Dalai Lama weiss um die Ungeduld der tibetischen Jugend, hält aber am gewaltfreien «Weg der Mitte» fest. Nach Jahrzehnten im Exil sei es bereits eine «grosse Errungenschaft», dass das Tibet-Problem nach wie vor lebendig sei und auch die internationale Gemeinschaft grossen Anteil daran nehme, sagte er im vergangenen Jahr. «Von diesem Standpunkt gesehen, habe ich keinen Zweifel, dass die Gerechtigkeit eines Tages die Oberhand gewinnen wird.»
 

Anhänger rund um den Globus

Mit dieser Beharrlichkeit fasziniert der Dalai Lama rund um den Globus seine Anhänger. In Europa und Nordamerika strömen regelmässig Zehntausende zu Vorträgen und religiösen Unterweisungen. Eine halbe Million Menschen folgen ihm bei Twitter. Auch sein Geburtstag soll weltweit gefeiert werden. Unter anderem ist in London ein Konzert geplant. Dass der Dalai Lama auch charmant und witzig ist, erleben meist Gäste kleinerer Veranstaltungen. So wurde er vor einiger Zeit in Neu Delhi gefragt, was er denn in seinem Leben am meisten bereue. Die Antwort vom Podium kam prompt: «Nicht geheiratet zu haben.»