China im Dilemma: Helfende Mönche sollen Erbebenregion verlassen


Während China zu einem nationalen Trauertag für die Menschen aufrief, die bei dem Erdbeben im Bezirk Yushu in der Provinz Qinghai ums Leben kamen, befahlen die dortigen Behörden den vielen Mönchen aus den benachbarten Gegenden, die bei der Bergung der Opfer die wesentliche Arbeit geleistet hatten, nach Hause zurückzukehren. Nicht anders erging es Mönchen und Geschäftsleuten, die mit Spenden und Hilfsmitteln in die Region reisen wollten.

Damit offenbart sich für die chinesische Regierung ein gravierendes Dilemma. Auf der einen Seite besuchten sowohl Staatspräsident Hu als auch Premierminister Wen die Unglücksregion und versprachen jede erdenkliche Hilfe. Etwa 12'000 Soldaten wurden nach offiziellen Angaben zu den Rettungsarbeiten in Bewegung gesetzt. Nicht wenige von ihnen kämpfen mit den winterlichen Wetterbedingungen und der Höhenkrankheit. Auch wurden etwa 500 Übersetzer in die Region beordert, da viele der Anwohner und Opfer nicht die chinesische Sprache beherrschen. Die staatlich kontrollierten Medien wurden nicht müde, die "Harmonie" der verschiedenen Völker herauszustreichen und betonen, dass man alles unter Kontrolle habe.

Hinter der propagandistisch inszenierten Hilfsbereitschaft steckt auch die grosse Sorge vor dem Ausbruch neuer Konflikte. Laut Augenzeugen sei Präsident Hu, der selbst einmal Sekretär der Kommunistischen Partei in der Autonomen Region Tibet war und damit für die Verhängung des Kriegsrechts im Jahr 1989 mitverantwortlich, bei seinem Besuch in der Erdbebenregion von der Bevölkerung äussert kühl empfangen worden. Ein Augenzeuge berichtete Radio Free Asia (RFA):"Viele der tibetischen Einwohner zeigten ihre Abneigung gegen Präsident Hu, indem sie ihm nicht die Hand reichten". Während des Besuchs des Präsidenten sei infolge der scharfen Sicherheitsmassnahmen der Verkehr in der Gegend gänzlich zum Erliegen gekommen, wodurch die Behandlung vieler Verletzter verzögert wurde und einige sogar gestorben seien. "Als Präsident Hu den Katastrophenort besuchte, würdigte er die Mönche überhaupt nicht, obwohl sie bei den Rettungsarbeiten an vorderster Front standen", fügte er hinzu.

Nun wurden die Mönche, die oft als erste Hilfe geleistet hatten, aus der Region weggewiesen. Manchen, die sich weigerten, ihre Hilfe einzustellen, sei sogar gedroht worden. Auch Geschäftsleute und Einzelpersonen, die sich bereits mit Geld und Wagenladungen von Hilfsgütern auf dem Weg nach Yushu befanden, seien zum Umkehren aufgefordert worden. Mönche aus der Präfektur Nagchu, die an Yushu grenzt, wurden gezwungen, ihre gesammelten Spenden und Hilfsgüter an die Bezirksverwaltung zu übergeben, wie ein Informant gegenüber RFA erklärte. Woeser, die bekannte tibetische Schriftstellerin und Bloggerin aus Beijing, sagte in einem Interview: "Die tibetischen Mönche wurden aufgefordert, in ihre Klöster zurückzukehren, wenn sie es nicht tun, geraten sie in grosse Schwierigkeiten. Daher müssen nun viele Klöster ihre Mönche zur Einstellung der Bergungsarbeiten und Rückkehr zwingen".

Während Helfer weggewiesen werden, errichtet die Armee nach Augenzeugen um die Erdbebenregion Strassensperren.

Die offizielle Begründung für die Wegweisungen lautet, dass weitere Hilfe nicht mehr benötigt werde. Hilfe habe nur durch die offiziellen Stellen zu erfolgen, und keine Organisationen oder Einzelpersonen dürften Sachspenden in eigener Regie in die betroffenen Regionen bringen.

Mit den Wegweisungen will die chinesische Regierung offenbar das Dilemma lösen, dass nun ausgerechnet Mönche, die von der offiziellen Propaganda jahrelang als "Feinde des Mutterlandes" und "Spalter" verteufelt wurden, als selbstlose Helfer an vorderster Front angetroffen wurden.

 

Quellen: Radio Free Asia RFA (teilweise adaptierte deutsche Übersetzung durch IGFM München; Associate Press