Darum empfängt der Bundesrat den Dalai Lama nicht

 
Gleich drei Bundesräte trafen den Papst beim Schweiz-Besuch. Bei der Visite des Dalai Lama ist die Regierung abwesend. Was steckt hinter dieser Zurückhaltung?
 
Für vier Tage ist der Dalai Lama zu Besuch in der Schweiz. Gestern Donnerstagabend ist das geistliche Oberhaupt der tibetischen Buddhisten ganz im Stillen und abseits der Medien in Zürich gelandet. Anlass seines Besuchs ist das 50- Jahr-Jubiläum des Tibet-Instituts in Rikon ZH. Es ist das einzige Kloster ausserhalb Asiens, das im Auftrag des Dalai Lama gegründet wurde.
Bei seinem Schweiz-Besuch steht nach einem Presseauftritt heute Morgen der öffentliche Festakt für das Kloster am Samstag in Winterthur auf dem Programm. Dann lädt der Dalai Lama am Sonntag zu einer Unterweisung ins Hallenstadion nach Zürich. Und zum Schluss seiner Schweiz-Reise spricht Tenzin Gyatso – wie der Mönchsname des Dalai Lama lautet – an der Züricher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur.
 
Nicht auf dem Programm steht ein Treffen des ehemaligen Oberhaupts der tibetischen Regierung mit dem Schweizer Bundesrat. Dies mag erstaunen, ist der Friedensnobelpreisträger von 1989 doch eine weltweit anerkannte spirituelle Persönlichkeit und über die tibetische Gemeinschaft hinweg äusserst beliebt. Doch dass der Bundesrat jeweils auf einen öffentlichen Empfang des Dalai Lama verzichtet hat einen guten Grund – und der heisst China.
 

15. Besuch in der Schweiz

Schon bei der Einweihung des «Klösterlichen Tibet-Instituts» am 9. November 1968 wurde dem Dalai Lama die Einreise in die Schweiz durch den Bundesrat verboten. Inzwischen hat der mittlerweile 83-Jährige das Land 14 Mal besucht – jedoch wurde er noch nie durch einen offiziellen Empfang des Bundesrates gewürdigt.
 
Der Besuch des Dalai Lama sei spirituell motiviert und kein offizielles Arbeitstreffen zwischen Staatsvertretern, heisst es diesmal aus Bundesbern. Dies stimmt auch, ist der 14. Dalai Lama 2011 von allen politischen Ämtern – und damit auch als Oberhaupt der tibetischen Exilregierung – zurückgetreten. Trotzdem verlangten rund 11'000 Personen im Vorfeld des Besuchs in einem offenen Brief an den Bundesrat, den Dalai Lama zu Empfangen.
 
Es dürfe nicht sein: «dass der Bundesrat aus Angst vor möglichen politischen Interventionen von Seiten China auf einen formellen Empfang des Dalai Lama verzichtet», schreibt etwa die Gesellschaft für bedrohte Völker (GFBV) auf ihrer Homepage. In anderen Ländern, wie etwa Deutschland oder den USA, würde der Dalai Lama jeweils regelmässig von den Staatsoberhäuptern empfangen. «Hier darf die Schweiz nicht hinten anstehen», so die GFBV.
 

Schweiz nahm 1000 Tibeter auf

Nach chinesischer Auffassung ist Tibet seit mehreren hundert Jahren ein fester Bestandteil Chinas. 1950 wurde die de facto unabhängige tibetische Regierung durch die Invasion der chinesischen Volksbefreiungsarmee dazu gezwungen, die Souveränität Chinas über das Gebiet Tibet anzuerkennen. Als 1959 ein tibetischer Volksaufstand gegen die chinesische Fremdherrschaft scheiterte, flohen tausende Tibeter ins Ausland – die meisten davon ins benachbarte Indien. Auch der Dalai Lama lebt seither im Exil in Indien.
Ab 1961 nahm auch die Schweiz – als erstes europäisches Land – rund 1000 tibetische Flüchtlinge auf. Damals stellte die Tösstaler Pfannenfabrik Kuhn Rikon auf Anfrage des Schweizerischen Roten Kreuzes den Flüchtlingen Arbeitsplätze und Firmenwohnungen zur Verfügung und legte damit auch den Grundstein zur Schaffung des klösterlichen Tibet-Instituts. Heute ist die tibetische Exilgemeinschaft in der Schweiz mit rund 8000 Menschen die grösste ausserhalb Asiens.
 

Völkerrechtlich nicht anerkannt

Da die Schweiz Tibet völkerrechtlich weiterhin nicht anerkennt, sorgt der Besuch des geistlichen Oberhaupts der Tibeter jeweils für ein aussenpolitisches Dilemma. Weil zwischen der Schweiz und der Exilregierung keine diplomatischen Beziehungen bestehen und der Dalai Lama in der Rolle als spirituelles Oberhaupt die Schweiz besucht, will man jeweils seine Visiten nicht «unnötig» politisieren. Kritiker sprechen jedoch von einem «Kniefall» gegenüber der chinesischen Regierung.
 
Für China ist hingegen klar, dass der Dalai Lama, da er sich für die Autonomie Tibets innerhalb der Volksrepublik einsetzt, separatistische Absichten verfolgt. Man hoffe deshalb, dass die Schweiz dem Dalai Lama dafür «keine Plattform» biete, hiess es etwa beim Besuch des Dalai Lama 2009 aus der Chinesischen Botschaft in Bern etwas diplomatisch.